Einleitung
Hast Du schon mal von dem Begriff «Young Carers» oder «junge Pflegende» gehört? Nein? Das ist gar nicht schlimm, denn in diesem Blog-Beitrag erfährst Du, was ein Young Carer ist und was sie/er macht.
Neugierig? Dann bekommst Du schon jetzt einen kleinen Einblick, bevor es richtig los geht…
Kinder und Jugendliche übernehmen Aufgaben in ihrer Familie, die normalerweise Erwachsene machen – sei dies Geschwister zu betreuen, im Haushalt zu helfen oder sogar emotionale Unterstützung zu bieten. Was bedeutet das nun für Dich? Fühlt es sich für Dich gut an anderen zu helfen? Das ist okay. Doch oft bleibt dabei kaum oder keine Zeit für Deine eigene Freizeit oder Spass.
Du erfährst ausserdem, was es bedeutet ein Young Carer zu sein, warum es wichtig ist, auch «Nein» zu sagen und wie Du Unterstützung findest.
Und das Wichtigste: Du bist nicht alleine!
Was ist ein Young Carer eigentlich?
Wenn Du ein Young Carer bist, dann
- bist Du ein Kind oder Jugendliche:r
- betreust, unterstützt, pflegst oder leistest Hilfe bei einer Person aus Deiner Familie:
- Betreuung von Geschwistern, Grosseltern, …
- Unterstützung im Haushalt, wie kochen, waschen, einkaufen, putzen, …
- Hilfe bei Arztterminen, Terminen planen, …
- Hilfe beim Anziehen, Waschen, mit Medikamenten bei einer zu betreuenden Person in der Familie.
- leistest Du emotionale Unterstützung.
- hast Du keine oder nur wenig Zeit, dich mit Freunden zu treffen und/oder für Deine Hobbies.
- hast Du vielleicht Schwierigkeiten in der Schule mitzukommen?
Diese Aufgaben übernehmen normalerweise Erwachsene und nicht Kinder oder Jugendliche!
Hier ein paar weitere Fakten:
- In der Schweiz sind etwa 8% der Kinder und Jugendlichen Young Carers (Stand 2017).
- Du trägst damit eine grosse Verantwortung schon in jungen Jahren.
- Dein Umfeld, also Freunde, die Schule oder der Ausbildungsbetrieb wissen oft nicht, was Du neben Schule oder Ausbildung noch leistest.
- Für Dich ist diese Situation normal?!
Findest Du Dich in mindestens einer Beschreibung von oben wieder? Dann bist (auch) Du ein Young Carer.
Die gute Nachricht: Du bist nicht alleine und es gibt bereits Hilfsangebote, wie zum Beispiel:
- Pro Juventute: per Telefon oder SMS. 147 oder E-Mail oder Peer-Chat
- Bei psychischen Belastungen eines Elternteil/beider Eltern: Kinderseele-Schweiz
- Austauschtreffen mit anderen Young Carers: Zürich, Graubünden
- Information, Beratung und Unterstützung für die Gesundheitsbedürfnisse aller im Appenzellerland: Verein Gesundheitkoordination GeKo
Die schlechte Nachricht: Es gibt noch nicht viele Studien über Young Carers. Auch Informationen oder Weiterbildungsmöglichkeiten für Fachpersonen sind noch rar. Dadurch ist es für sie schwierig, Deine Situation richtig einzuschätzen und Dir explizite Hilfe anzubieten.
Hier kannst Du den ersten Schritt machen und die Pflegefachperson, den Arzt/die Ärztin, Deine Lehrperson selbst ansprechen und um Hilfe bitten. Es ist wahrscheinlich kein leichter Schritt für Dich, doch ist er wichtig, damit Du die Hilfe bekommst, die Du benötigst und schlussendlich Verantwortung abgeben kannst.
Du kannst natürlich auch zuerst mit Deiner Familie sprechen und ihnen sagen, dass Du überfordert bist, dass Du auch Deine Freunde treffen und Deinem Hobby nachgehen möchtest. Sollte Deine Familie nicht verstehen, worum es Dir geht, kannst Du Dir Hilfe bei einem der oben genannten Angebote suchen oder Dich an mich wenden.
Auch wenn mein Hauptaugenmerk auf der Trauerbegleitung liegt, liegt es mir am Herzen, Dich zu unterstützen und die für Dich passende Hilfe zu suchen! Denn, je nach Situation und Krankheit Deiner Mutter oder Deines Vaters, kann auch der Tod ein relevantes Thema sein oder werden. Hier kann ich Dir bereits vor dem Tod Deines Elternteils eine Stütze sein.
Es ist wichtig «Nein» zu sagen. Warum?
Bist Du manchmal wütend, weil Du so viel hilfst und es mittlerweile selbstverständlich ist? Vielleicht wird Hilfe vorausgesetzt, je nach Deiner Herkunft und Kultur?
Und doch: Du darfst und kannst Nein sagen, denn auch Du brauchst eine Pause und sollst einfach Kind/Jugendliche:r sein.
Pausen sind wichtig,
- damit Du wieder Kraft sammeln kannst.
- um Dich mit Deinen Freunden zu treffen.
- um Deinem Hobby nachzugehen.
- damit du in Ruhe Hausaufgaben machen und Lernen kannst.
- …
Erkläre Deinen Eltern, wie es Dir geht und wie Dich die Situation belastet! Wenn Du Dich nicht alleine traust, frage eine Person in deiner Familie, die Dir nahesteht, oder Deine:n beste:n Freund:in um Hilfe und Unterstützung bei dem Gespräch.
Was könnt Ihr als Eltern tun?
Als erstes: Sprecht mit Eurem Kind/Jugendlichen über die aktuelle, vielleicht schwierige Situation/Krankheit und nehmt sie/ihn ernst.
- Was für Sorgen und Ängste hat Dein Kind?
- Welche Fragen sind offen und sollten geklärt werden?
- Fühlt sich Dein Kind Schuld an der Situation? Bitte nimm ihm/ihr das Schuldgefühl, denn er/sie ist nicht schuld.
Zweitens: Deine Tochter/Dein Sohn darf und muss «Nein» sagen können, ohne dass sie/er sich danach schuldig fühlt. Sie/er ist als erstes ein Kind oder Jugendliche:r und sollte in erster Linie die Dinge machen könne, die ihr/ihm Spass machen. Das heisst auch, dass Du die Grenzen Deines Kindes respektierst und akzeptierst.
Drittens: Die aktuelle Situation/Krankheit sollte nicht dauernd Thema sein, denn so wird der gesamte Alltag darauf reduziert. Deine Tochter/Dein Sohn bekommt dadurch den Eindruck, dass ihre/seine Themen nicht wichtig sind. Auch wenn es schwerfällt, frage sie/ihn, was sie/ihn gerade beschäftigt, was sie/ihn gerade am meisten interessiert, …
Viertens: Unterstütze Deine Tochter/Deinen Sohn bei der Schule/Ausbildung/im Beruf und schaue, dass sie/er diese wichtigen Pflichten nicht vernachlässigt.
Fünftens: Deine Tochter/Dein Sohn soll genug Zeit für ihre/seine Hobbies, Freunde, Erholung, Freizeit, … haben.
Sechstens: Deine eigene Erwartungshaltung spielt bei den oben genannten Punkten eine wesentliche Rolle. Muss wirklich alles perfekt sein? Kann auch etwas liegen bleiben und später oder von einer anderen Person erledigt werden? Gibt es Nachbarn, andere Familienmitglieder, Freunde, die helfen können? Es gibt auch die Möglichkeit einen Assistenzbeitrag oder einen Antrag auf sonstige Hilfsmittel zu stellen:
- Assistenzbeitrag, allgemein: Assistenzbeitrag – Pro Infirmis
- IV – Assistenzbeitrag: Assistenzbeitrag | Invalidenversicherung (IV) | Sozialversicherungen | Informationsstelle AHV/IV
- IV – Hilfsmittel: Hilfsmittel | Invalidenversicherung (IV) | Sozialversicherungen | Informationsstelle AHV/IV
Und wie geht es jetzt weiter?
Wenn Du ein Young Carer bist
- Mache Dich sichtbar.
- Überfordere Dich nicht selbst und denke, dass Du alles alleine schaffen musst. Das musst Du nicht. Du kannst Dir Hilfe holen.
- Spreche über Deine Situation mit Freunden, Deiner Lehrperson. So kannst Du Dir «Verbündete» suchen, kannst über Deine Situation reden und musst Dich nicht verstecken.
- Sage Nein, denn Deine Bedürfnisse sind wichtig.
- Rede mit Deinen Eltern und sage ihnen, dass Deine Hilfe Grenzen hat, denn Du bist in erster Linie ein Kind oder Jugendliche:r.
Wenn Du die Mutter/der Vater bist
- Nimm Deine Tochter/Deinen Sohn ernst.
- Akzeptiere ein Nein von Deiner Tochter/Deinem Sohn.
- Spreche mit Deiner Tochter/Deinem Sohn über Deine Situation/Krankheit.
- Überlege und suche nach anderweitiger Hilfe.
Fazit
Du trägst als Young Carer eine gewaltige Verantwortung, die nicht einfach ist. Sei oder werde Dir Deiner Rolle bewusst und vernachlässige Deine eigenen Bedürfnisse nicht. Denn, Du hast das Recht «Nein» zu sagen und Deiner Freizeit und anderen Aktivitäten nachzugehen. Bitte um Hilfe, denn nur so kannst Du selbst helfen. Natürlich kannst Du stolz auf Dich sein und auf das, was Du machst – vergiss dabei aber nicht, dass Du auch Zeit für Dich brauchst und diese einforderst.
Möchtest Du Unterstützung für Dich und Du weisst nicht wo Du anfangen sollst? Gemeinsam können wir überlegen, ob eine der oben genannten Anlaufstellen für Young Carers für Dich in Frage kommen.
Möchtest Du, dass ich Dich beim Gespräch mit Deinen Eltern begleite? Melde Dich gerne bei mir.
Möchtest Du als Mutter oder Vater eine Entlastung und anderweitige Hilfe für Deine Familie? Schau, ob eines der Angebote schon genügt. Wenn Du dazu selbst keine Kraft hast, melde Dich bei mir und wir überlegen gemeinsam welches Angebot passend und sinnvoll ist.
Melde Dich gerne bei mir.
Verwendete Quellen:
https://www.feel-ok.ch/de_CH/jugendliche/themen/young-carers/young-carers.cfm
https://sg.feel-ok.ch/de_CH/jugendliche/themen/young-carers/kurzfassung/kurzfassung.cfm
https://www.kalaidos-fh.ch/de-CH/Forschung/Fachbereich-Gesundheit/Young-Carers/Forschungsfokus
https://www.migesplus.ch/suchergebnisse?q=young+carer
https://147.ch/de/article/familie/grosse-verantwortung-fuer-kinder-und-jugendliche/


